flämische Literatur

flämische Literatur
flämische Literatur,
 
Bezeichnung für die niederländische Literatur, die seit dem 13. Jahrhundert in Flandern entstand und die sich nach der Vertreibung der Spanier (Achtzigjähriger Krieg) seit dem 17. Jahrhundert allmählich gegenüber dem »Holländischen« als eigenständige Variante entwickelte. Darüber hinaus hatte sich die flämische Literatur seit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts und v. a. nach der französischen Eroberung (1794) gegen die Französierung des flämischen Lebens zu behaupten. Erst in den darauf folgenden Jahren des Vereinigten Königreichs der Niederlande (1815-30) wurde das Prestige des Niederländischen durch die Sprachenpolitik Wilhelms I. wiederhergestellt (zu dieser Zeit im Einzelnen niederländische Literatur).
 
Die Romantik, die nach 1830 zur Blüte kam, stand im Zeichen der Flämischen Bewegung. Die erste Generation war v. a. philologisch tätig (J. F. Willems); zu ihr gehören jedoch auch zwei bedeutende Lyriker: K. L. Ledeganck, Prudent van Duyse (* 1804, ✝ 1859). Zur zweiten schöpferischen Generation gehörte der Romancier H. Conscience. Eine realistische Gegenbewegung ging von D. Sleeckx, Anton Bergmann (* 1835, ✝ 1874), Virginie Loveling (* 1836, ✝ 1923) und J. M. Dautzenberg aus. Daneben schufen der Naturdichter G. P. Gezelle, H. N. Verriest sowie A. Rodenbach eine große westflämische Literatur.
 
Die drei Letzteren sowie die L'art-pour-l'art-Richtung der flämischen »Tachtigers« (u. a. Pol de Mont [* 1857, ✝ 1931]) beeinflussten die Erneuerung, die die Schriftsteller der 1893 gegründeten Zeitschrift »Van Nu en Straks« brachten. Führend waren A. Vermeylen sowie die Mitbegründer P. van Langendonck und Emmanuel de Bom (* 1868, ✝ 1953). Die nächste Generation war literarisch gewichtiger: K. van de Woestijne drückte die Polarität der »flämischen Seele« - Sinnlichkeit und Frömmigkeit - in einer symbolisierenden Dichtung aus; S. Streuvels schuf Bauerngeschichten; H. Teirlinck stellte die Großstadt und das Landleben dar; Ferdinand Victor Toussaint van Boelaere (* 1875, ✝ 1947) war ein perfekter Stilist. Außerhalb dieser Zeitschrift entwickelten sich Naturalismus (C. Buysse) und Regionalismus (M. Sabbe, Lode Baekelmans [* 1879, ✝ 1965]). Die katholische Literatur hatte drei Organe: »Dietsche Warande en Belfort«, »Vlaamsche Arbeid«, »Jong Dietschland« (C. Verschaeve).
 
Die Neuorientierung in den Jahren 1914-30 wurde nicht so sehr im Werk des sinnenfrohen F. Timmermans oder des volkstümlich humoristischen E. A. Claes sichtbar als vielmehr im Expressionismus. Darin gab es zwei Richtungen, die beide von P. A. van Ostaijen ausgingen: der humanitäre Expressionismus (W. Moens, K. van den Oever, M. Gijsen, Achilles Mussche [* 1896, ✝ 1974]) und der »organische«, ästhetische Expressionismus (Victor J. Brunclair [* 1899, ✝ 1944], G. Burssens). Auch die dramatische Literatur erneuerte sich (»Het Vlaams Volkstoneel«); für die Bühne schrieben Teirlinck, A. van de Velde, de Mont, W. Putman. Eine Gegenrichtung gegenüber dem Expressionismus vertraten M. Roelants, Richard Minne (* 1891, ✝ 1965), Raymond Herreman (* 1896, ✝ 1971) und Karel Leroux (* 1895, ✝ 1969) in der Zeitschrift »'t Fonteintje« (1921-24).
 
Um 1930 meldete sich eine neue Generation zu Wort: Pieter Geert Buckinx (* 1903, ✝ 1987), R. Verbeeck, Bert Decorte (* 1915) und K. Jonckheere. Wichtig war die Erneuerung des Romans, der v. a. das Innere des Menschen in den Mittelpunkt stellte, z. B. durch den psychologisch interessierten Roelants, den Vitalisten G. Walschap, den Sozialisten L. Zielens, den Skeptiker R. Brulez, den Stilisten F. de Pillecyn und W. Elsschot; ihnen folgten M. Gilliams, Albert van Hoogenbemt (* 1900, ✝ 1964) und im Stil einer neuen Sachlichkeit die Romanschriftsteller Norbert Edgar Fonteyne (* 1904, ✝ 1938), A. Demedts. Während des Zweiten Weltkriegs und nach 1945 schrieben Romane: der ironische M. Gijsen, die Katholiken Paul Lebeau (* 1908, ✝ 1982), Gaston Duribreux (* 1903), die »magischen Realisten« J. Daisne, H. L. Lampo und die sozialen Realisten P. van Aken und L.-P. Boon. - Daisne und Boon kündigten schon die experimentelle Literatur an. Obwohl in den ersten Nachkriegsjahren das existenzialistische Lebensgefühl vorherrschte, knüpfte die Lyrik bald an den Surrealismus, den Postsurrealismus und indirekt an van Ostaijen an (H. Claus, Adriaan de Roover [* 1891], Hugues C. Pernath [* 1931, ✝ 1975], Gust Gils [* 1924]). Eine neue Entwicklung der Avantgarde war die konkrete Poesie: P. de Vree, M. van Maele.
 
Anfang der 70er-Jahre setzten sich die Neorealisten (Roland Jooris [* 1936], Patricia Lasoen [* 1948], H. de Coninck) neben den Neoexperimentellen durch. Die Richtung des experimentellen Romans, der die Technik des inneren Monologs bevorzugt und sich vom auktorialen Erzählen abwendet, wird vertreten von: Claus, Hugo Raes (* 1929), I. Michiels, P. de Wispelaere, René Louis Gysen (* 1927, ✝ 1969), Laurent Veydt (* 1936), Daniel Robberechts (* 1936, ✝ 1992) und von den Autoren »absoluter Prosa«: Claude C. Krijgelmans (* 1934), Willem M. Roggeman (* 1935), Mark Insingel (* 1935), Claude van de Berge (* 1945) und Gils. Zwischen Tradition und Experiment bewegen sich W. Ruyslinck, B. Kemp, J. Geeraerts, Fernand Auwera (* 1929), W. Spillebeen und Frans Depeuter (* 1927). Ganz in der traditionellen Art schreiben Rose Gronon (* 1901, ✝ 1979), Maria Rosseels (* 1916), J. Vandeloo und Libera Carlier (* 1926). In der Lyrik gibt es neben der schon genannten Avantgarde die traditionelle Dichtung von Jozef Lodewijk Frans de Belder (* 1912, ✝ 1981), A. van Wilderode, Hubert van Herreweghen (* 1920), Christine D'Haen (* 1923). Merkmale beider Richtungen findet man bei Jos de Haes (* 1920), Paul Snoek (* 1933, ✝ 1981), Hedwig Speliers (* 1935) und Willem Maurits Roggeman (*1935). Auf dem Gebiet des Schauspiels wirkt Claus erneuernd, Piet Sterckx (* 1925, ✝ 1987) und Jan Christiaens (* 1929) schreiben absurde Stücke, Jozef van Hoeck (* 1922) und der sozial engagierte Walter van den Broeck (* 1941) vertreten die Tradition, während Tone Brulin (* 1926) sich in beidem versucht. - 1970 oder später debütierten als Prosaschriftsteller: Paul Koeck (* 1940), der über Problemgruppen der Gesellschaft schreibt; M. van Paemel mit ihren feministischen Schriften; die Formerneuerer L. J. T. Pleysier und L. Stassaert; ferner: Stefaan Hertmans (*1951), Herman Brusselmans (* 1957), Herman Portocarero (* 1952) und Pol Hoste (* 1947); die Lyriker Jotie t'Hooft (* 1956, ✝ 1977) und Leonard Nolens (* 1947).
 
 
R. F. Lissens: Fläm. Literaturgesch. des 19. u. 20. Jh. (a. d. Niederländ., 1970);
 B. F. van Vlierden: Van »In 't wonderjaar« tot »De verwondering« (Antwerpen 1970);
 G. P. Knuvelder: Handboek tot de geschiedenes der Nederlandse letterkunde, 4 Bde. (Herzogenbusch 61976-77);
 
Kritisch lexicon van de Nederlandstalige literatuur na 1945, hg. v. A. Zuiderent u. a., Losebl. (Alphen 1980 ff.);
 
Die niederl. u. f. L. der Gegenwart, hg. v. F. Ligtvoet u. M. van Nieuwenborgh (1993).

Universal-Lexikon. 2012.

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